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Parteinahme: Mehr Demokratie wagen

Als ich 1965 noch in die Volksschule ging, war einige Wochen lang eine Referendarin an unserer Schule. Sie fuhr einen kleinen Wagen, es war Bundestagswahlzeit, und an ihrem Auto klebte ein Aufkleber der SPD. So etwas hatte es in unserem Dorf noch nicht gegeben. „Die Wahlen seien ja geheim", hieß es damals mit einem gewissen Augenzwinkern. Genau das machte die Sache interessant. Nicht die Geheimhaltung war das Entscheidende, sondern das sichtbare Bekenntnis. Der Slogan „Mehr Demokratie wagen“ von 1969 hat mich damals politisiert und bis heute motiviert.

Darin lag etwas, das heute fast verloren gegangen ist: Politische Haltung zeigte sich nicht nur im Reden, sondern auch im offenen Kennzeichnen. Ein Autoaufkleber, eine rote Nadel am Revers, ein klares Wort für die eigene Partei – das war keine plumpe Werbung, sondern Parteinahme. Wer sich so zeigte, sagte: Ich stehe zu dieser demokratischen Partei. Ich gehöre dazu. Ich trage mit.

Bild Anteil Parteimitglieder in % an allen Wahlberechtigten, KI-Recherche


Schwächer gewordene Basis

Die Grafik zeigt, was sich im Hintergrund dieser Entwicklung abzeichnet: Der Anteil der Parteimitglieder an den Wahlberechtigten war nach dem Krieg höher als heute, obwohl die meisten Menschen damals die „Schnauze voll von der Politik" hatten. Der Anteil stieg schnell an, erreichte um 1965 einen Höhepunkt, blieb lange Zeit bei über fünf Prozent und fiel dann in den späten 1980er-Jahren über einen langen Zeitraum auf etwas über zwei Prozent der Wahlberechtigten.

Ich denke, das ist ein wichtiges Indiz. Parteimitglieder sind nicht nur eine Zahl, sie sind eine politische Größe. Sie sind stabile Multiplikatoren, sie tragen Debatten in die Fläche, sie machen Parteien gesellschaftlich anschlussfähig. Wenn diese Basis schrumpft, schrumpft auch die demokratische Substanz. Dann wird Politik leichter zum Geschäft weniger und schwerer zur Sache vieler.

Mehr Mitglieder würden mehr Auswahl bedeuten, bessere Konkurrenz um bessere Politikerinnen und Politiker ermöglichen und damit den Wettbewerb stärken. Für Karrieristen sind kleine Zahlen günstiger. Wo weniger Wettbewerb herrscht, lässt sich leichter Einfluss gewinnen. Mit mehr Mitgliedern wäre der Anteil derjenigen, die durch Parteiarbeit Geld verdienen, prozentual geringer. Der Einfluss des unabhängigen Volkes wäre größer. Genau dieser Einfluss fehlt heute.

Verächtlichmachung

Heute wird das politische Leben oft nicht mehr ernsthaft bestritten, sondern verächtlich gemacht. Und wie so oft bleibt an der Verächtlichmachung immer etwas hängen. Das gilt besonders dann, wenn Parteien nicht mehr als Träger demokratischer Verantwortung gesehen werden, sondern nur noch als Anlass für Spott, Distanz oder taktisches Wegwählen.

Doch Demokraten sollten sich nicht gegenseitig verächtlich machen. Natürlich braucht es sachlichen, auch zugespitzten, aber auch lösungsorientierten Disput. Streit gehört zur Demokratie. Herabsetzung gehört nicht dazu. Wer andere demokratische Parteien systematisch kleinmacht, schwächt am Ende nicht nur den Gegner, sondern das ganze demokratische Feld.

Es wäre gut, wenn mehr Leute wieder sagen würden: Diese oder jene ist meine Partei. Nicht nur die extremen Links- und Rechtsaußen sollten sich eindeutig bekennen, sondern auch die demokratische Mitte. Genau dort fehlt heute oft das klare Wort. Dass viele Wechselwähler geworden sind, ich eingeschlossen, macht die Lage nicht besser. Man rühmt sich dann noch der eigenen Unabhängigkeit, und gerade diese angebliche Freiheit macht das Ganze am Ende beliebiger.

Was demokratisch heißt

Demokratische Parteien zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie Vorbilder in Diktaturen suchen. Russlandnähe ist im Jahr 2026 für mich ein klares Ko-Ausschlusskriterium. Ebenso wenig kann eine Partei demokratisch genannt werden, wenn sie ihre Vorbilder im Nationalsozialismus sucht oder mit solchen Gedanken spielt. Demokratische Parteien sind keine bloßen Klientelparteien. Sie müssen das Ganze im Blick haben.

Sie leben davon, dass konservative, soziale und liberale Elemente zusammenkommen, sich überschneiden und miteinander ringen. Idealerweise tragen sie ein humanistisches Menschenbild. Das heißt: Der politische Gegner ist kein Feind, den man vernichten muss, sondern jemand, mit dem man um die bessere Lösung streitet. Genau darin liegt die Würde demokratischer Politik.

Ortsvereine und Verantwortung

Demokraten müssten sich deshalb wieder stärker zu Parteien bekennen und nicht nur wechselwählen. Das ist keine kleine organisatorische Frage, sondern eine Grundfrage der demokratischen Kultur. Auf Ortsvereinsebene muss wieder eine Basis geschaffen werden. Verächtlichmacher sollten innerhalb der eigenen Reihen abgestraft werden. Es muss Interesse geweckt werden, vor allem bei jungen Leuten. Die alten, politisch oft satten, müssen aber auch noch ziehen, ganz gleich, welche Partei es ist.

Es sollte bei Parteispaltungen sehr genau darauf geachtet werden, ob sie nicht meist von Karrieristen angezettelt werden und am Ende vor allem zur Schwächung der Demokratie führen. Stattdessen braucht es eine breite Aufstellung und keine einseitige Klientelbedienung. Parteien, die nur für einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft arbeiten, verlieren den Anspruch, demokratische Volksparteien zu sein. Die Stimmen sind spätestens am Wahlabend verloren.

Warum Parteinahme zählt

Ich kenne zurzeit keine vernünftige Person in meinem Bekanntenkreis, die für eine demokratische Partei eintritt, bis auf diejenigen, die andere demokratische Parteien und deren führende Politikerinnen und Politiker verächtlich machen. Genau das scheint mir der falsche Weg zu sein. Demokraten sollten sich nicht gegenseitig zerstören, sondern miteinander um die besseren Lösungen ringen.

Mehr Mitglieder in den Parteien bedeuten mehr Auswahl bei parteiinternen Wahlen, bessere Konkurrenzsituationen und mehr demokratische Substanz. Weniger Mitglieder bedeuten mehr Beliebigkeit, mehr Karrierismus und mehr Distanz zwischen politischer Klasse und Bevölkerung. Deshalb geht es nicht nur um Parteiarbeit im technischen Sinn, sondern um die Frage, ob Demokratie überhaupt noch als gemeinsames Projekt verstanden wird. Wer Demokratie will, muss Parteien wieder ernst nehmen. Wer Parteien ernst nimmt, darf sie nicht fortwährend verächtlich machen.

Entscheidend ist, ob wir es schaffen, Kinder und Jugendliche wieder neugierig auf Politik zu machen – und ob wir selbst im Alltag zeigen, dass demokratische Parteinahme kein Auslaufmodell, sondern eine Daueraufgabe ist.

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