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Kannitverstan

Im Mai 1991 habe ich von niederländischen Geschäftspartnern den Heißluftballon PH-CIR samt Begleitfahrzeug und Anhänger mit der gesamten Ausrüstung übernommen, um an einem Ballonrennen im Südosten Polens teilzunehmen. Dass das Fahrzeug aus den Niederlanden stammte, war unübersehbar. Gemeinsam mit einem kleinen Team machte ich mich von Berlin aus auf den Weg. Vor der Abfahrt war jedoch noch ein Besuch bei unserer Bank nötig – gegenüber dem Aquarium des Berliner Zoos. Parkplätze dort waren, wie erwartet, Mangelware, schon gar nicht für ein großes Allradfahrzeug mit ebenso beeindruckendem Anhänger. Das Team war noch nicht anwesend, das Gespann stellte ich kurzerhand – nicht ganz regelkonform – im Parkverbot direkt vor der Bank ab.

Kannitverstan

Eine deutsche Handwerksbursche aus Tuttlingen staunt in Amsterdam über ein prächtiges Haus mit Blumenfenstern und fragt nach dem Besitzer, erhält aber die holländische Antwort „Kannitverstan“ („Ich kann dich nicht verstehen“), die er als Namen eines reichen Mannes missversteht.Am Hafen bewundert er die Schätze eines Schiffes aus Ostindien und hört erneut „Kannitverstan“ als angeblichen Eigentümer der Waren.Bei einem Leichenzug interpretiert er die gleiche Antwort als Bestätigung des Todes dieses „Herrn Kannitverstan“ und erkennt so die Vergänglichkeit allen Reichtums, was ihn mit seinem Los versöhnt hat.

Moral der Geschichte: Die Anekdote aus Johann Peter Hebels „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“ illustriert durch einen Sprachirrtum, wie der Wanderbursche zur Weisheit gelangt: Reichtum vergeht wie alles Irdische, sie mahnt zur Zufriedenheit trotz Armut.

Kannitverstan zum zweiten

Als ich aus der Bank kam und zu meinem Wagen zurückging, sah ich eine Politesse um das Gespann schleichen – mit der Miene einer Person, die gerade überlegt, welchen Paragrafen sie als Erstes anwenden soll. Kein Zweifel: Sie hatte mich schon als Täter ausgemacht. Kaum hatte sie erkannt, dass ich der Fahrer war, erklärte sie sachlich, dass ich wohl mit einer Strafe zu rechnen hätte.

In diesem Moment fiel mir, wie aus dem Nichts, der Tuttlinger Handwerksbursche ein – der legendäre Kannitverstan. Ich setzte auch mein bestes hilfloses Gesicht auf, zuckte unschuldig mit den Schultern und sagte schlicht: Kannitverstan.

Und siehe da – es wirkte. Die Politesse hielt kurz inne, steckte ihren Block weg und murmelte, ich solle am besten gleich losfahren. Das tat ich natürlich sofort, begleitet von meinem freundlichsten Nicken und einem Lächeln, verbal bedanken konnte ich mich ja nicht 😉.

Reise nach Südostpolen

Von Berlin nach Stalowa Wola sind es rund 830 Kilometer mit dem Auto. Nach etwa 350 Kilometern hatten wir eine Übernachtung in Breslau eingeplant – der Stadt meiner Eltern. Es war nur ein halber Tag und eine Nacht, doch die Stadt gefiel mir auf Anhieb. Ich konnte gut nachempfinden, warum meine Mutter ihrer Heimat stets nachgetrauert hatte. Sie hatte dort als junge Frau als Straßenbahnschaffnerin gearbeitet.

Bei meinem zweiten Besuch in Breslau im Herbst 2024 – und einem dritten Mal im Jahr 2025 – bin ich schließlich alle Straßenbahnlinien abgefahren. Sicherlich waren darunter auch jene Strecken, auf denen meine Mutter einst Dienst getan hatte.

Am nächsten Tag setzen wir unsere Fahrt fort, über Krakau, mit einem kurzen Abstecher in die Innenstadt. Danach ging es weiter zum Ziel unserer Reise – dem Flugplatz in Stalowa Wola.

Ballonfahrten im Karpadenvorland

Das Wetter spielte zunächst nicht mit – zu windig für Ballonstarts. Wir nutzten die Wartezeit für einen Mitflug in einer Wilga, jenem robusten einmotorigen Viersitzer, der auch in der DDR als Sprühflugzeug in der Landwirtschaft diente. So bekamen wir einen ersten Überblick über die Gegend zwischen San und Weichsel, inklusive Sandomierz aus der Luft – ein Anblick, der uns prompt zu einem Stadtbummel inspirierte.

Dort erfuhren wir: Als die Rote Armee 1944 vorrückte, war der beeindruckte Artilleriekommandeur Oberst Skopenko vom malerischen Stadtbild so hingerissen, dass er den Befehl zur Beschießung einfach ignorierte. Die deutschen Einheiten kapitulierten daraufhin kampflos – und die Altstadt überstand den Krieg schnell unversehrt. 1991 war sie in tadellosem Zustand, eine kleine, beeindruckende Perle.

Am 10. Mai 1991 meinte es das Wetter dann gut mit uns: Zwei Ballonfahrten klappten perfekt. Die erste Fahrt ging dann auch direkt nach Sandomierz. Die Abendfahrt startete in Stalowa Wola Richtung Olbrzocz; an Bord hatte ich den Generaldirektor des Stahlwerks – eine illustre Begleitung.

Auszug aus dem Fahrtenbuch

Datum 10. Mai 1991 10. Mai 1991
Ballon  PH-CIR  PH-CIR
Startort Flugplatz Stalowa Wola Flugplatz Stalowa Wola
Startzeit UTC 04.20 16.25
Landeort Sandomierz Olbrzocz
Landezeit UTC 05.25 17.55
Distanz Luftlinie 20 km 35 km

Eindrücke

Freundschaftliche Kontakte zu polnischen Ballonfahrern ergaben sich schnell von selbst – eine Szene, die sich dort gerade erst entwickelte und in der wir gelegentlich mit kleinen Hilfestellungen dazu beitragen konnten. Einige Teams besuchten uns später im Havelland, als wir dort kleinere Veranstaltungen organisierten.

Die Preise für die teilnehmenden Teams wurden sehr persönlich gehalten: So konnte ich als Auszeichnung dieses kleine Originalbild (Öl auf Karton) eines polnischen Malers entgegennehmen. Es zeigt stilisiert einen fast  vollständig aufgeblasenen Ballon kurz vor dem Aufrichten – stark reduziert dargestellt, mit energischen Pinselstrichen in Blau- und Grüntönen. An der Öffnung des Ballons sind angedeutete kleine Figuren zu erkennen, die die Menschen am Ballonkorb symbolisieren und der dynamischen Szene Leben und Maßstab geben.

So blieb von diesen Tagen nicht nur die Erinnerung an heitere Zufälle und gelungene Fahrten, sondern auch das Gefühl, ein kleines Stück gemeinsamer Ballongeschichte miterlebt zu haben. 

 

Für mich verbinden sich mit diesen Begegnungen die neugierige Offenheit und die Aufbruchsstimmung, die Europa in den Jahren nach der Wende prägten. Manchmal drängt sich heute der Eindruck auf, dass aus dem früheren „Kannitverstan“ von damals im Jahr 2025 ein eher ratloses geworden ist.


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